Predigt am Heiligen Abend
Predigt am 24.12.2015

 
 
Heiliger Abend 24.12. 2015, 17.30 Uhr Tittling

Liebe festliche Gemeinde !
Der Heilige Abend soll ein heiler Abend sein- ein Abend, an dem alles friedlich schön, besinnlich, warm, verständnisvoll und harmonisch ist. Soweit die Theorie.
Die Praxis sieht mitunter ganz anders aus, denn an diesem Abend des Heils, des Friedens kommt auch die andere Seite der Medaille deutlich hervor.
Das Zerbrochene, das Weggefallene, das Bedrohliche, das nicht Heile. Und das gibt es alles in unserer Welt.
Ich denke z.B. an das Gleichnis des verlorenen Sohnes; das schwarze Schaf der Familie und in vielen Familie gibt es – wenn schon kein schwarzes, dann halt ein graues, ein Schaf, einer, der anders ist.
Aber auch für die grauen und schwarzen Schafe, für die Menschen, die nicht in der heilen Welt am Heiligen Abend sich verankern können, wird es Heilige Nacht, wird Gott Mensch, wird das Fest der Liebe gefeiert.
Statt einer Weihnachtspredigt hören Sie heute eine Weihnachtsgeschichte.
Wieder einmal war Heilig Abend. Wir schreiben das Jahr 1560.
In den Häusern sind die Kerzen an den Tannenbäumen hell erleuchtet.
Familien feiern zusammen, Kinder singen und musizieren mit ihren Eltern und Großeltern.
Früher, da war es auch bei ihnen so gewesen. Früher , zu Hause.
Zu Hause – das konnte er riechen – den Duft von Tannenzweigen und Plätzchen und Lebkuchen.
Zu Hause – das konnte er hören: Weihnachtslieder und die wohlvertrauten Worte, die der Vater deutlich und laut vorlas.
Zu Hause – das konnte er fühlen: Er war geborgen zu Hause, in seiner Familie, dort wo er ein Kind war und sich auf Weihnachten freute.
Früher… heute war alles anders.
Er lief durch die Straßen seines Heimatdorfes; irgendwie hatte es ihn hierher gezogen.
Doch er war hin und hergeworfen: Sollte er nach Hause gehen, zu Hause läuten, einfach da sein oder sollte er doch besser wieder weitergehen, abhauen.
Jahrelang hatte es Streit gegeben mit seinen Eltern. Nichts war ihnen recht, was er tat.
Er hatte eine gute Arbeit in den Silberbergwerken und verdiente dort gutes Geld. Es war hart verdientes ehrlich verdientes Geld. Und er feierte gerne mit seinen Freunden und genoss das Leben.
Seinen Eltern gefiel das nicht. Sie wollten, dass er so wird, wie sie sind. Er sollte sein Geld für ein Studium anlegen und sollte studieren. Aber er wollte nicht studieren. Er wollte so leben, wie es ihm entsprach. Es war doch sein Leben!
Der Streit mit den Eltern nahm kein Ende.
Irgendwann reichte es ihm; er packte seine sieben Sachen und zog von zu Hause aus.
Sieben lange Jahre waren seitdem vergangen; er hatte nichts mehr von sich hören lassen; und seine Eltern haben auch nicht nach ihm gesucht, haben keinen Kontakt mit ihm gesucht.
Manches Mal hatte er Heimweh. Doch dieses Gefühl hat er sich verboten. Doch heute, am Heiligen Abend hielt er es nicht mehr aus. Er wollte seine Eltern so gerne wiedersehen.
Und doch hatte er Angst davor. Wie würden sie ihn aufnehmen, was würden sie ihm sagen oder vorwerfen? Wie ein Fremder schlich er am Haus seiner Eltern vorbei.
Nein, heute könnte er doch nicht heimkommen – es ist ja Heilige Nacht; sein Vater hatte da immer alle Hände voll zu tun. Sein Vater musste doch die Orgel in der Christmette spielen und den Chor dirigieren. Gut konnte er sich erinnern, wie aufgeregt und angespannt sein Vater davor war.
Morgen würde er es versuchen – würde er nach Hause gehen; morgen wäre es ruhiger und alles wäre morgen irgendwie einfacher. Ja morgen - morgen wäre es besser.
Sein Herz war schwer, als er von seinem Elternhaus wieder wegging; und eben nicht den Duft des Tannenbaumes roch und die Wärme der heimischen Stube.
Er ging weg und ging zu einem alten Stollen im nahen Bergwerk. Dort hatte er auch einmal gearbeitet; dort wollte er die Nacht verbringen und morgen wieder kommen.
Einsam ging er durch die Heilige Nacht. Niemand hatte ihn gesehen oder gar angesprochen. So dachte er.
Doch ein Freund des Vaters war zufällig in der Nähe gewesen und hatte diesen Mann von ferne beobachtet.
Ist das dort nicht der Sohn meines Freundes Nikolaus, ist das nicht Christoph?
Doch er wusste ja, dass Christoph schon lange nicht mehr da war. Es konnte auch jemand anderes sein.
Derweil ging Christoph in Richtung Bergwerk weiter.
Sprosse für Sprosse stieg er in den Schacht und öffnete schließlich die Türe zum verlassenen Stollen. Hier konnte er die Nacht, die Heilige Nacht verbringen.
Doch in diesem Moment fällt die schwere Türe hinter ihm ins Schloss. Christoph tastet in der Dunkelheit nach der Klinke. Es ist keine da. Er findet auch keinen Schlüssel, keinen Hebel, nichts, gar nichts. Verzweifelt sucht Christoph tastend alles ab. Nichts.
Nicht einmal ein Funke Licht. Nicht einmal ein Funken Hoffnung. Nichts. Gefangen in der Finsternis. Niemand weiß, dass er da ist. Niemand wird ihn suchen. Niemand kommt zufällig in einen still gelegten Stollen.
Lebendig begraben. Das ist das Ende. Da ist er sich sicher.
Angst und Trauer schlagen in seinem Herzen. Und auch ein bisschen Wut über sich:
Er hätte heute nach Hause gehen sollen; vielleicht hätte er sich sogar mit seinen Eltern versöhnen können. Alles wäre besser gewesen, als nun hier, im Stollen, alleine auf das Ende zu warten. Seine Eltern würden wahrscheinlich nie erfahren, dass er zu ihnen kommen wollte.
Es war zu spät.
Er hatte endgültig das verloren, nach dem er sich so sehr gesehnt hat. Vorbei die schöne Zeit, vorbei das gemeinsame Musizieren mit den Eltern, vorbei die Geborgenheit zu Hause, alles vorbei. So vergingen die Stunden im verschlossenen Stollen. Christoph hatte kein Gefühl mehr für die verrinnende Zeit. Manchmal wachte er, dann fiel er wieder in einen unruhigen Schlaf.
Auch der Freund des Vaters fand keine Ruhe. Vielleicht war es ja doch Christoph? Aber warum ist er dann Richtung Bergwerk gegangen? Er kannte niemanden im Ort, der aussah wie Christoph. Er wurde immer unruhiger.
Schließlich machte er sich auf. Nach der Christmette, die um 5 Uhr in der Früh gefeiert wurde, nahm er sich ein Grubenlicht mit und ging zu der Stelle, an der er meinte, Christoph gesehen zu haben. Und dann weiter, in die Richtung, in der die Gestalt gestern verschwunden ist.
Er kommt zum Schacht, steigt hinunter, leuchtet umher – nichts. Er lauscht in die Stille des Stollens – nichts. Er sieht eine geschlossene Eichentüre – und obwohl es ihm sinnlos erscheint, sie zu öffnen, macht er sie auf und leuchtet in den dunklen Stollen hinein.
Eine Gestalt liegt am Boden – Christoph – wirklich Christoph.
Mit unbeschreiblicher Freude wird Christoph zu Hause empfangen.
Wo alles fertig und abgeschlossen schien, hat sich im wahrsten Sinn des Wortes eine Tür aufgetan.
Es ist überliefert, dass Christophs Vater, der Kirchenmusiker Nikolaus Hermann (1480 – 1561) danach dieses Lied gedichtet hat:
Lobt Gott ihr Christen alle gleich in seinem höchsten Thron
Der heut schließt auf sein Himmelreich und schenkt uns seinen Sohn und schenkt uns seinen Sohn. ( EG 27;1560)
Und der Friede Gottes, der höher ist als all unser Verstehen, bewahre unsere Herzen und Sinne.

Thomas Plesch am 15.12.2015