Predigt am 21.10.2012
von Dr. Hans Flatter

 
 
 

Liebe Gemeinde!

Wenn ich nach nunmehr 24 Jahren meine Tätigkeit als Kirchenvorstand beende, ziehe ich, wie jedermann auch, eine persönliche Bilanz. Bevor ich dazu komme, stelle ich meiner Predigt die Bibelstelle aus Jesaja 43,1 voran, die da lautet: “Fürchte Dich nicht, denn ich habe Dich erlöst; ich habe Dich bei Deinem Namen gerufen; Du bist mein”.

Von 1988 bis jetzt war ich im Kirchenvorstand tätig, bin insgesamt 4x gewählt worden, und habe dort verschiedene Funktionen innegehabt. Aber eigentlich beginnt die Beziehung und Auseinandersetzung mit der eigenen Kirche und dem Glauben viel früher.

1963 wurde ich in Straubing konfirmiert; auf dieses Ereignis kann ich  nahezu 50 Jahre zurückblicken. Mein damaliger Konfirmationsspruch (Offenbarung 2,10) hieß: “Sei getreu bis in den Tod, so will ich Dir die Krone des Lebens geben”.

1965 wurde mein Vater - er war in Diensten der Justiz - nach Regensburg versetzt. Nach dem Umzug lernte ich in Prüfening, einem Stadtteil von Regensburg, den zuständigen Pfarrer Wallhofen kennen, der während einer Predigt etwa 1967 folgende Geschichte erzählte: “In einem russischen Gefangenenlager wiederholte sich des Öfteren eine grausame Maßnahme. Häftlinge, die zum Tode bestimmt waren, wurden vor das Lager gebracht, wo sie nur wenige Minuten Zeit hatten, zu fliehen. Dann wurden Hunde hinterher gehetzt, die diese armen Menschen zerfleischten. Eines Tages widerfuhr diese Maßnahme erneut einem Häftling; nur diesmal verschonten ihn die Hunde“. Dieses Bewahrungswunder elektrisierte mich, und ich begriff, dass man dann überleben kann, wenn und solange Gott schützend seine Hand über einen Menschen hält. Man kann einwenden, dass es auch eine natürliche Erklärung für dieses Verhalten geben könnte; aber ich habe diesen unerwarteten Ausgang eben als Wunder aufgefasst.

Seit dieser Zeit begann ich mich für die Kirche, die Theologie zu interessieren. Als einer der Mitarbeiter übernahm ich noch während meiner Gymnasialzeit den Kindergottesdienst. Ein Jahr lang belegte ich auch einen Hebräischkurs.

Nach meiner Bundeswehrzeit entschied ich mich nach einigem Hin und Her für die Medizin. Während meines Studiums lernte ich die Schriften Bonhoeffers kennen, die in meinem Leben einen ganz besonderen Stellenwert haben. In ihnen sprach mich Bonhoeffer unmittelbar an; sein unverwandter, konzentrierter Blick auf Christus, seine Glaubenstiefe, seine warmherzige Sprache, sein umfassendes Ausdrucksvermögen, sein hellwacher Geist haben mich in Bann geschlagen. Ich habe von ihm gelernt, dass wir nicht nur unsere eigenen Wünsche, Sorgen, Nöte und Freuden vor Gott bringen sollen, sondern dass wir auch umgekehrt am Leiden Gottes in dieser Welt teilhaben sollen. Bonhoeffer erkannte hellsichtig und ganz früh die politischen Konsequenzen, die das 3. Reich mit sich bringen sollte, rief zum Widerstand auf und ging selber den Weg in Widerstand, bis er schließlich selbst kurz vor Kriegsende hingerichtet wurde. “Nicht nur die Opfer unter dem Rad versorgen, sondern auch dem Rad selbst in die Speichen fallen”.
Für ihn war ganz wichtig, die Realität zu erkennen, ohne bei aller eigenen Bedrängnis, Not und Verfolgung in Bitterkeit oder Menschenverachtung zu verfallen. Christus als Bruder und Erlöser für mich und andere war für ihn der Dreh- und Angelpunkt in seinem Leben.

Ein zeitlicher Sprung. Ich war noch als Assistenzarzt in der Inneren Abteilung des Klinikums Passau tätig, als mich 1988 Pfarrer Kley von der Friedenskirche in Passau daraufhin ansprach, ob ich nicht für den Kirchenvorstand kandidieren wolle. Ich habe zugesagt mit dem bekannten Ergebnis, dass aus diesem Engagement 24 Jahre geworden sind. Nach meinem Wechsel nach Tittling bin ich dann für diese Gemeinde Kirchenvorstand geworden; der reibungslose Wechsel war aber nur möglich geworden, weil der hiesige Kirchenvor-
stand zugleich in die Gemeinde Friedenskirche umzog. (Name?)

Im Kirchenvorstand entscheiden die Mitglieder über viele kleine und manchmal auch große Anliegen aller Sprengel im Bereich St. Matthäus, das sind Matthäuskirche, Friedenskirche, Versöhnungskirche, Tiefenbach und Tittling. Die größten und finanziell belastendsten Projekte waren der Umbau der Stadtpfarrkirche St. Matthäus und der gegenwärtig noch laufende Umbau und die Neugestaltung des Dekanates Passau. Der Kirchenvorstand hat beratende und beschließende Funktion.

In meiner Zeit habe ich 4 Dekane erlebt: Albert Strohm, den Vater des jetzigen Landesbischofs - er rettete Ortenburg vor der Auflösung -, Walter Schmidt, den viele noch in guter Erinnerung haben und dessen Regie die Stadtpfarrkirche renoviert wurde, Edda Weise, die den Um- und Neubau des Dekanates in Angriff nahm, und schließlich jetzt Wolfgang Bub, mit dem eine freundschaftliche und sehr kooperative Zusammenarbeit möglich ist. Darauf kann sich mein Nachfolger schon jetzt freuen.
Auf die Kirchenvorstände warten viele Aufgaben. In welcher Funktion man tätig sein will, kann jeder für sich selbst entscheiden. Um nur einige Bereiche herauszugreifen: ob im Bauausschuß, als Umweltbeauftragter,
zuständig für Jugendarbeit, moderne Gottesdienstgestaltung oder Kirchenmusik, in der Diakonie oder Ökumene, im Mitarbeiterstab für die Kirchen-Rüstzeit, als Vertrauensmann oder -frau, als Vertreter in der Dekanatssynode, je nach Talent oder Befähigung kann man sich für einen Bereich entscheiden; eine Verpflichtung besteht nicht.
Ich selbst war im Vorbereitungsteam für die Kirchenrüstzeit und bin nach meinem Ausscheiden aus dem Kirchenvorstand noch als 2. Vorsitzender in der Diakonie und im Ökumeneausschuss tätig; vor meiner Zeit als Kirchenvorstand betreute ich auch eine Jugendgruppe.

Wenn man über die Kirche nachdenkt, kommen jedem von uns ganz unterschiedliche Gedanken und Empfindungen in den Sinn.

Was bedeutet Gemeinde für mich? Sie ist ein Zentrum der Verkündigung des Wortes Gottes und mahnt mich daran, dass Gott, dass Christus der Herr unseres Lebens ist. Wir haben die Freiheit, unser Leben selbst zu gestalten, sollen uns aber der Tatsache eingedenk sein, dass wir nicht Herr über unser eigenes Leben oder das anderer Mitmenschen sind. Der Grund unseres Lebens ist Christus, aber eben nicht für uns allein, sondern für uns alle. Als Gemeinde hören wir sonntags die Botschaft und wissen, “wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen” (Matthäus 18,20). Bonhoeffer hat einmal diesen Gedanken in die Worte gefasst: “Christus als Gemeinde existierend”.

In dieser Gemeinde kann ich mich wohlfühlen. Das war mein erster Eindruck, als ich diese Kirche betrat. Die Gestaltung und die Ausstattung dieses Kirchenraumes haben eine wohltuende Wirkung auf mich ausgestrahlt; für mich das Gefühl einer “Wohnzimmerkirche”.

Im Laufe der Zeit ist mir immer stärker bewusst geworden, wie rührig die Gemeinde ist; Beispiele für die Gemeindeaktivität sind die verschiedenen Kreise, die am Runden Tisch zusammentreffen, die Hausmeisterin, der Mesnerdienst, Kindergottesdienst, das Gemeindefest, Advent, die musikalischen Beiträge oder auch die Vertretung der Gemeinde im Kirchenvorstand. Der Leitspruch der Gemeinde aus dem 1. Petrusbrief 2, 4-5, sich aus lebendigen Steinen zu einem geistlichen Haus für Jesus Christus aufbauen zu lassen, ist Wirklichkeit geworden.
Sinnbild ist die Skulptur, die Alois Kusser geschaffen hat; auf der Website unserer Gemeinde hat er sein Kunstwerk interpretiert. Lieber Alois, dafür nochmals vielen Dank. Der Gemeinde möchte ich am heutigen Tag Dank dafür sagen, dass sie mir über die ganze Zeit ihr Vertrauen geschenkt hat, sie im Kirchenvorstand zu vertreten.

Die prägende Persönlichkeit der Gemeinde bist Du, lieber Thomas. Ich möchte Dir im Namen der Gemeinde einen herzlichen Dank dafür sagen, dass es Dir gelungen ist, eine blühende, eine lebendige Gemeinde zu schaffen. Das gilt für Deine Art, wie Du die Gemeinde führst und nach außen vertrittst, den Gottesdienst hältst, und Deine Fähigkeit, jeden anzusprechen und ein offenes Ohr für ihn haben, Alt und Jung einzubeziehen ebenso wie die für die vielfältigen Aktivitäten; ich liege wohl nicht falsch, wenn ich behaupte, dass diese Gemeinde die reisefreudigste im ganzen Dekanat ist. Der Dank spiegelt sich auch in der Anerkennung wider, die Du durch die Gemeinde erfährst. Ganz persönlich möchte ich Dir auch für Deine Freundschaft und die zahlreichen Gespräche danken.

Was sind für mich die zentralen Glaubensaussagen? Das Doppelgebot, besser Dreifachgebot der Liebe (zu Gott, zum Nächsten, zu sich selbst) (“Du sollst Gott, Deinen Herrn, von ganzem Herzen, von ganzer Seele, mit Deiner ganzen Kraft und all Deinen Gedanken lieben, und Deinen Nächsten wie Dich selbst” Lukas 10,27) und das Hohelied der Liebe mit dem Schlusssatz: “Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe; aber die Liebe ist die größte unter ihnen” aus 1. Korinther 13 (13). Das vollständige Kapitel 13 aus dem 1. Korintherbrief war übrigens der Trautext bei unserer Hochzeit. Die Liebe als die Weltwährung, mit der gehandelt und gezahlt werden soll. Liebe im christlichen Sinn ist aber weit mehr als das gegenseitige Einvernehmen. Wir machen Fehler und können andere verletzen; wir sind auf  Vergebung angewiesen und sollen selbst die Schuld der Anderen vergeben. Vor allem aber hat Gott uns seine Liebe gezeigt, indem er seinen Sohn für uns geopfert hat, der nunmehr unsere Schuld auf sich lädt und am Jüngsten Tage für uns einstehen wird. Dadurch wird aber auch klar, dass es durch eine solche Tat billige Gnade nicht geben kann. Und offenbart sich diese Liebe nicht gerade auch in der Überwindung und Durchbrechung des Todes und der Zusage der Auferstehung, nachdem Gott in Christus gezeigt hat, dass dies möglich ist? So weist die Liebe im christlichen Verständnis weit über den normalen Rahmen des natürlichen Empfindens hinaus.

 

Welche Tätigkeitsbereiche in der Kirche mag ich besonders? Es sind dies die Ökumene und die Diakonie.
Dass Ökumene ein schwieriges Feld ist, ist jedem bekannt. Die ungelösten Fragen der vollen gegenseitigen Anerkennung der Kirchen in ihrem Status, des Amts- und Abendmahlverständnisses, der apostolischen Sukkzession (der ununterbrochenen Nachfolge der Päpste seit Petrus und damit des Status der einen rechtmäßig anerkannten Kirche), des Primates des Papstes, der Frage der sichtbaren und unsichtbaren Kirche und letztlich damit verbunden der sichtbaren Einheit der Kirche oder der Kirchen in versöhnter Verschiedenheit (Rahner) mit ihren unterschiedlichen Profilen, der Tradition und des evangelischen Freiheitsverständnis mögen als Beispiele dienen. Ökumene ist aber deswegen ein schwieriges Terrain, weil viele Kirchen in diesen Prozess eingebunden sind und die römisch-katholische Kirche im Besonderen sich als Weltkirche versteht, die die Bistümer in den verschiedenen Regionen der Erde im Blick hat. Trotz aller Kontroversen und Rückschläge sollten wir aber uns nicht entmutigen lassen, wie sich am Beispiel der Rechtfertigungslehre zeigen lässt, dessen Einigungspapier 1999 unterzeichnet wurde. Während einer Fahrt zu einem Hausbesuch fiel mir vor Jahren im Blick auf die Ökumene folgender Spruch ein: “Christus individuus, ecclesia individua”, frei übersetzt: “Wenn Christus seinem Wesen und seiner Person nach unteilbar ist, dann ist auch die Kirche ihrem Wesen nach unteilbar”. Das bedeutet, dass die gesamte Kirche in ihrem Bemühen, sich ständig zu reformieren, auf die Einheit hinlebt und Spaltung nicht als endgültiges Ergebnis akzeptiert. Anlässlich des 50. Jahrestages des II. Vatikanischen Konzils und des 500. Jahrestages der Reformation im Jahr 2017 haben prominente Katholiken und Protestanten aus Politik, Kultur  und Sport in einem gemeinsamen Appell zur Überwindung der konfessionellen Spaltung aufgerufen: “Wir sind eine Kirche”. Die Autoren empfinden die Spaltung der Christenheit in Katholiken und Protestanten als unzeitgemäß, die dem Willen Jesu widerspreche. “In beiden Kirchen ist die Einheit nach Sehnsucht groß” (www.oekumene-jetzt.de). Man wird sich aber auch darauf besinnen müssen, dass die Überwindung der Spaltung viel Geduld, Besonnenheit, Tatkraft und theologische Kleinarbeit kosten wird. Dass die Kirchen sich im Hinblick auf das Papier zurückhaltend zeigen, liegt wohl daran, dass sie sich zum einen in ihrem Selbstverständnis nicht so ohne weiteres korrigieren wollen, zum anderen um die Schwierigkeiten des Einigungsprozesses wissen.

Die Diakonie ist von einem anderen Kaliber; sie ist frei von solchen Kontroversen. Ihr Metier ist die tätige Nächstenliebe; sie hat in Passau verschiedene Arbeitsbereiche, wie Soziale Beratung, Ehe- und Lebensberatung, Aids-Informations- und Beratungsstelle, Beratungsstelle für psychische Gesundheit, Therapeutische Wohngemeinschaft, Betreute Wohngemeinschaft, Ambulante Alten- und Krankenpflege, Schuldnerberatung (hier tat sich vor allem der vor kurzem verstorbene Hermann Altweger hervor) und Migrationsdienst Pocking. Die Diakonie ist aber nicht einfach als “Almosenverein” zu verstehen, sondern als Hilfe zur Selbsthilfe. Ein solches Projekt ist vor einiger Zeit ins Leben gerufen worden, wo Bedürftige auch wieder lernen, zu kochen. Dadurch wird auch wieder das Gemeinschaftsgefühl gestärkt; sie erfahren eine Wertschätzung ihrer Person und ihrer Arbeit. In einigen Bereichen gibt es vor Ort eine Zusammenarbeit mit der katholischen Kirche; dies bedeutet auch eine finanzielle Entlastung beider Kirchen.

Wenn ich am Schluss noch einmal auf den Predigttext zurückkomme und ein Resümee ziehen soll, so habe ich die Erfahrung gemacht: Wen Gott bei seinem Namen nennt, ihn anspricht, den lässt nicht mehr los. Er wird nicht mehr gottlos bleiben. 24 Jahre Kirchenvorstand sind eine lange Zeit; aber nunmehr habe ich das Gefühl, es wird Zeit, zu gehen. Jedoch bleibe ich auch nach meinem Ausscheiden aus dem Kirchenvorstand der Gemeinde und der Theologie verbunden.

In Gottes Namen. Amen

 

Lieder zum Gottesdienst:
- Von guten Mächten treu und still umgeben Nr. 637
- Großer Gott, wir loben Dich Nr. 331
- Befiehl du deine Wege  Nr. 361
- Welches Lied passt am besten zum Predigttext?

Als Begleittext für die Entwicklung des eigenen Lebens eignet sich gut auch der Text von Martin Luther (Seite 396):
“Das Leben ist ein Frommsein…”